Die NRW-Kommunen hatten 2025 mit mehr als 9,3 Mrd. Euro das mit Abstand größte Defizit aller Länder. Ihre Schulden in den Kernhaushalten stiegen um 15,7 Prozent auf 64,1 Mrd. Euro. Das ist der stärkste Anstieg seit 2017, rechnerisch 3.561 Euro je Einwohner. Besonders kritisch sind die Liquiditätskredite, also eine Art Dispo der Kommunen: Sie wuchsen um 17,6 Prozent auf 27,6 Mrd. Euro. Am höchsten pro Kopf verschuldet sind Mülheim an der Ruhr mit rund 10.700 Euro und Oberhausen mit rund 10.320 Euro.
Münsterland und Emscher-Lippe
Die IHK Nord Westfalen hat die Haushaltspläne 2026 der Region ausgewertet. Das Defizit beträgt rund 2,17 Mrd. Euro, davon 1,61 Mrd. für Investitionen und 567 Mio. für die laufende Verwaltung. Spitzenreiter ist Münster mit über 400 Mio. Euro. Es folgen Gelsenkirchen (272 Mio.), Dorsten (98 Mio.), Ahlen (96 Mio.) und Bocholt (82 Mio.). Die IHK rechnet mit einer weiteren Verschlechterung, weil Gewerbesteuer und Schlüsselzuweisungen vielerorts hinter den Planansätzen zurückbleiben.
Bundesweites Problem
Die Gemeinden und Kreise in Deutschland gesamt haben 2025 ein Defizit von 31,9 Mrd. Euro verbucht. Das sind 7,1 Mrd. Euro mehr als im bisherigen Rekordjahr 2024. 7,5 % ihrer Ausgaben waren nicht durch reguläre Einnahmen gedeckt. Besser wird es nicht: Im ersten Halbjahr 2026 lag das Minus erneut bei 20,1 Mrd. Euro, während die Sachinvestitionen um 4,5 % sanken.
Der Städtetag und Städte- und Gemeindebund haben alle 396 Städte und Gemeinden befragt. Nur 7 von ihnen können 2026 ihre laufenden Aufwendungen aus Erträgen decken. 89 Kommunen sind in der Haushaltssicherung, 68 Prozent mehr als im Vorjahr. Bis 2029 könnten es 219 sein, also mehr als jede zweite.
Ursachen: Aufgaben ohne Gegenfinanzierung
Die Ausgaben wachsen schneller als die Einnahmen. Bundesweit stiegen 2025 die Personalausgaben um 6,8 Prozent und die Sozialleistungen um 5,9 Prozent auf 90 Mrd. Euro. Die Eingliederungshilfe legte um 11,2 Prozent zu, die Jugendhilfe um 8,8 Prozent. Die Gewerbesteuer ging im ersten Halbjahr 2026 um 2 Prozent zurück. Die Verbände sprechen von einer strukturellen Unterfinanzierung: Bund und Länder bestellen Leistungen, die Kommunen zahlen., eigentlich ein Skandal.
Altschuldenlösung als erster Schritt
Das Land NRW hat 149 Kommunen von Liquiditätskrediten über rund 8,8 Mrd. Euro befreit. Der Bund gibt von 2026 bis 2029 jährlich 1 Mrd. Euro, davon rund 164 Mio. für NRW. Ab 2027 steigt der Verbundsatz von 23 auf 23,5 Prozent. Die neuen Defizite zehren diese Entlastung aber schon wieder auf. Zudem wird das wachsende Schuldenproblem lediglich auf die Bundeländer und den Bund verteilt.
Folgen und Forderungen
Für die Bürger drohen geschlossene Bibliotheken, verfallende Straßen und Kürzungen bei Sport und Kultur. Die IHK sieht ein Standort- und Investitionsrisiko und warnt vor höheren Grund- und Gewerbesteuern. Die kommunalen Spitzenverbände fordern einen Zukunftspakt von Bund, Ländern und Kommunen. Der Grundsatz „Wer bestellt, bezahlt“ soll dabei auch für bestehende Sozialaufgaben gelten. Ohne eine solche Reform wird aus kommunaler Selbstverwaltung zunehmend Mangelverwaltung.


