Deutschland gründet wieder, aber der Befund ist trügerisch. Nach den jüngsten Auswertungen des IAB/ZEW‑Gründungspanels stieg die Zahl der wirtschaftsaktiven Neugründungen 2024 auf rund 157.000 und damit um etwa drei Prozent gegenüber 2023. Das Plus kam vor allem aus den Branchen Handel, Gastgewerbe und konsumnahen Dienstleistungen (z. B. Friseure). Diese Zunahme signalisiert Belebung, ist aber vor allem ein Symptom: Deutschland produziert mehr Selbstständigkeit, aber zu wenig technologische Erneuerung.
Dienstleistungen ersetzen keine Industrie
Ein neuer Friseursalon, ein Imbiss oder eine Reinigung kann für die Gründer eine respektable Existenz sein. Volkswirtschaftlich ersetzen solche Gründungen aber keine skalierbare Softwarefirma, keinen Deep‑Tech‑Zulieferer und kein forschungsintensives Industrieunternehmen. Genau dort liegt das Problem: Das IAB/ZEW‑Gründungspanel zeigt, dass technologieintensive Dienstleistungen und Softwareentwicklung nur einen kleinen Teil der Neugründungen stellen, während Gründungen im forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe auf einem sehr niedrigen Niveau verharren. Für eine hochproduktive, exportorientierte Volkswirtschaft ist das ein strukturelles Warnsignal.
Die Statistik beschönigt die Lage
Andere Datensätze verstärken dieses Bild. Der KfW‑Gründungsmonitor weist für 2024 rund 585.000 Existenzgründungen aus, drei Prozent mehr als im Vorjahr. Der gesamte Zuwachs stammt jedoch aus dem Nebenerwerb: Nebenerwerbsgründungen legen zu, während die Zahl der Vollerwerbsgründungen leicht zurückgeht. Das IfM Bonn kommt für 2024 auf rund 360.000 neu aufgenommene selbstständige Tätigkeiten im Vollerwerb und betont, dass das Vor‑Pandemie‑Niveau von 2019 noch nicht vollständig erreicht ist. 2025 zeigt hier zwar Bewegung nach oben: Die Zahl der im Vollerwerb aufgenommenen selbstständigen Tätigkeiten steigt laut IfM auf rund 395.000. Doch auch dieser Anstieg speist sich überwiegend aus gewerblichen und dienstleistungsnahen Tätigkeiten, nicht aus einem sprunghaften Aufbruch in High‑Tech‑ oder forschungsintensive Branchen.
Zu wenig High‑Tech
Die Qualität der Gründungen ist entscheidender als die Menge. Im IAB/ZEW‑Gründungspanel für das Bezugsjahr 2023 entfielen von den 155.000 Neugründungen nur rund 9.400 auf technologieintensive Dienstleistungen und Softwareentwicklung, während das forschungsintensive verarbeitende Gewerbe sogar unter 1.000 Neugründungen blieb. Diese Struktur hat sich bis 2024 nicht grundlegend gedreht. Für ein Hochlohnland ist das alarmierend: Wer seine Gründungsdynamik vor allem im lokalen Dienstleistungssektor findet, verliert langfristig Produktivitätsdynamik, Exportkraft und technologische Souveränität – selbst dann, wenn die absolute Zahl der Gründungen leicht steigt.
Weniger Jobs, weniger Investitionen
Auch die Beschäftigungswirkung neuer Firmen schwächt sich ab. Die KfW‑Daten zeigen, dass junge Unternehmen pro Gründung weniger Arbeitsplätze schaffen und vorsichtiger investieren. Der Anteil der Existenzgründungen, die von Beginn an Arbeitgeber sind und Beschäftigte einstellen, ist in den vergangenen Jahren gesunken; Sologründungen ohne Personal dominieren. Für 2024 wird ein historisch niedriger Anteil von Arbeitgeber‑Gründungen berichtet, und die durch Neugründungen geschaffenen Beschäftigtenstellen fallen gegenüber dem Vorjahr zurück. Damit verliert die Gründungspolitik ihr stärkstes Argument: dass neue Unternehmen nicht nur Selbstständige hervorbringen, sondern Arbeitgeber, Innovatoren und Produktivitätsmotoren.
Was sich ändern muss
Die Krise liegt nicht in der Zahl der Gewerbeanmeldungen, sondern in der Richtung des Strukturwandels. Deutschland braucht weniger Gründungsromantik und mehr harte Standortpolitik: schnellere Genehmigungen, verlässliche und ausreichend große Wagnisfinanzierung, niedrigere Energie‑ und Bürokratiekosten, steuerliche Anreize für Forschung und Entwicklung sowie Kapitalmärkte, die Wachstum auch nach der Frühphase finanzieren. Ohne diesen Kurswechsel wird sich der Trend fortsetzen, dass die Statistiken zwar mehr Gründungen und 2025 auch mehr Vollerwerbs‑Selbstständigkeit ausweisen, das Land aber zugleich an industrieller Substanz und technologischer Erneuerungsfähigkeit verliert – mehr Friseure, mehr Lieferdienste, mehr lokale Services, aber zu wenig High‑Tech.




