Die Baumarktkette Hellweg aus Dortmund hat im Juni Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Davon betroffen sind fast 3.000 Mitarbeiter/innen. Alle 68 Standorte bleiben vorerst geöffnet. Im Rahmen des Sanierungsverfahrens werden jedoch einige davon schließen. Wie ist es zu der Insolvenz gekommen?
Genereller Nachfragerückgang
Während der Corona-Jahre profitierte Hellweg – wie die gesamte Branche – stark vom Heimwerker- und Gartenboom. Garten-, Bau- und Freizeitartikel wurden in dieser Phase überproportional nachgefragt. Die Leute hatten Geld, Zeit und Langeweile. Geplante Projekte wurden vorgezogen. Mit dem Corona-Ende und dem Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 kam der Dämpfer. Die Nachfrage normalisierte sich nicht auf hohem Niveau, sondern fiel zurück – kombiniert mit allgemeiner Konsumzurückhaltung. Die Taschen der Privathaushalte bleiben angesichts der vielen Krisen auch heute noch zugenäht.
Die Krise erfasste nicht nur Hellweg, sondern die ganze Branche. So erzielte der Kernmarkt der DIY-Branche (Do-it-Yourself), wozu Bau- und Heimwerkermärkte gehören, 2025 in Deutschland einen Umsatz von fast 50 Mrd. Euro, davon entfielen rund 25 Mrd. Euro auf klassische Bau- und Heimwerkermärkte. Innerhalb dieses Segments sank der nach BHB/GfK gemessene Umsatz 2025 auf 21 Mrd. Euro, was einem Rückgang von 1,6 Prozent gegenüber 2024 entspricht. BHB steht dabei für den Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten e.V.
In der Mitte gefangen
Der Management-Professor Michael Porter prägte schon in den 1970er Jahren den Begriff des „Stuck in the Middle“. Genau in dieser Mitte ist auch Hellweg gefangen. Das Unternehmen ist zu groß, um als kleiner, lokaler Spezialist extrem flexibel zu sein, und zu klein, um die Skalenvorteile der Branchengrößten (Bauhaus, Hornbach, Obi) bei Einkauf, Logistik, Marketing und IT voll auszuspielen. In einer Branche, in der Größe massiv über Einkaufskonditionen und Werbedruck entscheidet, geraten solche mittelgroßen Ketten bei jedem Nachfrageknick überproportional unter Druck.
Hellweg bietet zudem ein breites, aber wenig einzigartiges Sortiment, das in weiten Teilen mit dem der Konkurrenz austauschbar ist. Bei austauschbaren Produkten entscheidet am Ende häufig der Preis, der Standort und die Online-Sichtbarkeit – genau dort sind aber die großen Ketten überlegen.
Schwacher E-Commerce
Hinzu kommt ein strategisches Versäumnis im E‑Commerce: Während Wettbewerber wie Hornbach und Obi früh massiv in leistungsfähige Online-Shops und integrierte Click-&-Collect-Modelle investierten, hat Hellweg diesen Wandel eher verschlafen. Kunden haben aber längst gelernt, auch Baumarktartikel online zu recherchieren und zu bestellen; fehlende Online-Kompetenz wirkt daher unmittelbar auf Flächenproduktivität und Frequenz zurück.
Margendruck und Flächenprobleme
Auf der Kostenseite wirkten steigende Einkaufspreise, höhere Energie- und Personalkosten sowie steigende Mieten kumulativ auf die Margen. In einem ohnehin hart umkämpften Markt mit intensiven Rabattaktionen und Preisschlachten lassen sich solche Kostensteigerungen nur begrenzt über höhere Endkundenpreise weitergeben, ohne zusätzliche Nachfrageverluste zu riskieren.
Branchenanalysen verweisen seit Jahren auf ein Produktivitätsproblem vieler Baumärkte: zu große Verkaufsflächen, zu geringer Umsatz je Quadratmeter und sinkende Kundenfrequenz. Marktführer wie Hornbach und Bauhaus generieren pro Quadratmeter deutlich höhere Umsätze als schwächere Wettbewerber. Wer hier hinterherhinkt, gerät bei hohen Fixkosten schnell in die Verlustzone. Hellweg lag in dieser Logik eher im Feld der flächenschwächeren Anbieter: viele mittelgroße Standorte, begrenzter Kundeneinzugsbereich, wenig Differenzierung – das ist in einer Stagnationsphase ein gefährlicher Mix.
Finanzierung, Liquiditätsengpässe
Spätestens ab 2023 spitzte sich die Lage bei Hellweg zu. Das Unternehmen verzeichnete spürbare Umsatzrückgänge und Verluste und leitete 2024 eine Restrukturierung mit externen Beratern ein, inklusive Filialschließungen und Räumungsverkäufen mit Rabatten bis zu 50 Prozent. Solche Maßnahmen verbessern kurzfristig die Liquidität, sind aber oft ein Symptom dafür, dass die Ertragsbasis strukturell nicht mehr trägt.
Parallel kam es zu Einschnitten auf der Finanzierungsseite: Hellweg beendete die Einkaufskooperation mit Toom (Rewe Group) in der DIY Union und verlor damit erhebliche Einkaufssynergien. Belastend wirkte zudem, dass ein zentraler Warenkreditversicherer (Markant) die Warenkreditversicherung kündigte, was die Warenbeschaffung erschwerte und die Liquidität zusätzlich belastete. Auch Unterstützungsleistungen im Millionenbereich der BayWa wurden reduziert. In Summe verdichtete sich damit ein enges Finanzkorsett mit begrenzter Eigenkapital- und Liquiditätspufferfähigkeit – in einem volatilen Markt ein latenter Insolvenzauslöser.
Fazit
Die Folge war eine schleichende Erosion der Marktposition: sinkende Umsätze, geringere Flächenproduktivität, wachsende Abhängigkeit von Rabatten und Aktionen, Filialschließungen und eine zunehmend angespannte Liquiditätslage. Die Insolvenz in Eigenverwaltung ist daher weniger ein plötzlicher Absturz, sondern der formale Endpunkt eines mehrjährigen, strukturellen Anpassungsprozesses, den das Unternehmen ohne gerichtliches Verfahren offenbar nicht mehr finanzierbar sah.


