Bürokratiekosten steigen

Mittelstand ächzt unter Regulierungswut

iStock, Prae_Studio

Keine Kritik an der derzeitigen Wirtschaftspolitik kommt ohne den Hinweis auf die gestiegenen Bürokratielasten im Mittelstand aus. Die Politik gelobt sofort Besserung, was sich aber meist als Lippenbekenntnis entpuppt. Die Deutsche Bundesbank hat das jüngst belegt.

Die Krönung ist der jüngste Coup, die EU-Verpackungsverordnung (Packaging and Packaging Waste Regulation - PPWR), die von den Brüsseler Bürokraten mittlerweile selbst als Unsinn bezeichnet wurde. Danach müssten z. B. kleine deutsche Online-Händler in jedem EU-Land, das sie beliefern, einen Verpackungsbevollmächtigten haben. Das ist kaum zu leisten, ohne den Kostenrahmen zu sprengen. Empfohlen wird von der EU deshalb eine Nichtbefolgung. Schräger geht es nicht mehr.

Bundesbank-Studie

Die Bundesbank hat in einem Beitrag ihres Monatsberichts vom Juli 2026 mit dem Titel „Bürokratielasten im deutschen Unternehmenssektor: Ursachen und Wirkungen“ bestätigt, dass der regulatorische Erfüllungsaufwand deutscher Unternehmen zwischen 2022 und 2024 stark gestiegen ist. Das dürfte insbesondere kleinere Firmen in ihrer Produktivität hemmen. Untersucht wurde in einer Unternehmensbefragung, wie stark staatliche Vorgaben deutsche Unternehmen belasten, welche Regelungsbereiche besonders aufwendig sind und welche wirtschaftlichen Folgen daraus entstehen. 

Grundlage dafür ist die Bundesbank-Unternehmensstudie BOP-F, für die im dritten Quartal 2025 rund 7.000 Unternehmen befragt wurden. Erfasst werden nicht die unmittelbaren Kosten politischer Entscheidungen – etwa Mindestlohn oder CO₂-Preis –, sondern der Aufwand ihrer administrativen Erfüllung, wie z. B. Dokumentation, Aufbewahrung, Meldungen, Nachweise, Anträge, Genehmigungen sowie Personal-, Sach-, Beratungs- und teilweise Investitionskosten.

Bürokratiekosten steigen

Das zentrale Ergebnis lautet: Die von den Unternehmen selbst geschätzten Bürokratiekosten stiegen im Durchschnitt von rund 5 Prozent des Jahresumsatzes im Jahr 2022 auf etwa 7 Prozent im Jahr 2024. Das entspricht einem Anstieg um beinahe 50 Prozent. Parallel nahm die subjektive Problemdiagnose erheblich zu: Während 2022 rund 45 Prozent der Unternehmen Bürokratie als dringendes oder sehr dringendes Problem bezeichneten, waren es zuletzt knapp 70 Prozent. Damit rangiert sie in der Befragung noch vor Fachkräftemangel sowie hohen Produktions- und Arbeitskosten.

Besonders stark trifft die Belastung kleinere Unternehmen. Zwar gelten für sie teils Ausnahmen oder vereinfachte Anforderungen. Soweit sie jedoch erfasst sind, schlagen Dokumentations- und Anpassungskosten überproportional zu Buche. Viele dieser Kosten haben einen Fixkostencharakter. Ein Betrieb muss etwa IT-Systeme anpassen, externe Beratung einkaufen oder Meldeprozesse einrichten, unabhängig davon, ob er einen kleinen oder großen Umsatz erzielt. Deshalb ist dieselbe regulatorische Pflicht für einen kleineren Betrieb gemessen am Umsatz gravierender. Die Kostenquote stieg jedoch über sämtliche Unternehmensgrößen hinweg.

Auch sektorübergreifend nahmen die Belastungen zu. Die Finanzwirtschaft weist mit 9,6 Prozent des Umsatzes im Jahr 2024 die höchste Bürokratiekostenquote auf, nach 6,8 Prozent 2022. Es folgen Gastgewerbe (8,8 nach 6,2 Prozent), Landwirtschaft (8,2 nach 6,4 Prozent) und Baugewerbe (7,4 nach 5,0 Prozent). Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Quote mit 5,5 Prozent zwar vergleichsweise niedrig; sie legte aber besonders kräftig zu. Gerade dort ist dies wettbewerbspolitisch relevant, weil exportorientierte Industriebetriebe internationalem Preis- und Konkurrenzdruck ausgesetzt sind.

Als besonders belastend nennen Unternehmen folgende Bereiche: Steuer- und Finanzberichterstattung, Datenschutz und Privatsphäre, Arbeitsrecht und Beschäftigungsregulierung sowie Umweltrecht. 

Ein besonderes Problem ist das sogenannte „Gold-Plating“ der Bundesregierung. Gemeint ist damit eine strengere, frühere oder komplexere nationale Umsetzung von EU-Vorgaben, die zusätzliche Kosten verursacht.

Produktivitätsbremse

Die produktivitätsbezogene Auswertung ist der wirtschaftlich stärkste Befund der Studie. Ein Anstieg der Bürokratiekosten um einen Prozentpunkt des Umsatzes ging im Durchschnitt mit rund drei Prozent niedrigerem Umsatz je Beschäftigten einher. Statistisch belastbar ist dieses Ergebnis vor allem bei kleinen Unternehmen. Die Bundesbank rechnet daraus überschlägig hoch, dass der Kostenanstieg von 2022 bis 2024 das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum um etwa einen halben Prozentpunkt gedämpft haben könnte. Der Mechanismus ist plausibel: Arbeitszeit, Managementaufmerksamkeit und qualifiziertes Personal werden für Compliance gebunden und fehlen dann für Produktion, Vertrieb, Innovation oder Kundenarbeit.

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